ÜBER WINDUNG
Die Krise hab' ich überwunden.
Über Wunden liegt heilend Zufriedenheit.
Nach langer Suche zu mir selbst gefunden,
Zu Glück und Hingabe bereit.
Ob ich mich je noch einmal überwinde,
Über Winde zu Stürmen, zu Veränderung bald?
Statt Selbstzufriedenheit Krise, frei wie ein Kinde,
Oder bin ich für dieses Glück schon zu alt?
ZWEI VERGÄNGLICHKEITEN
Neulich belauschte ich zwei Vergänglichkeiten während sie über mich sprachen.
Die erste sagte: "Ich entreiße ihm den Moment und schenke ihm das Glück, dass die Zärtlichkeit des Augenblicks nicht durch sein Festhalten an ihm analysierbar und somit entzaubert wird."
Die zweite sagte: "Ich lasse Zeit vergehen und schenke ihm das Glück, dass er eines Tages über den Schmerz, den Du ihm dadurch zufügst, wird schmunzeln können."
Einen Moment lang dachte ich über das Gehörte nach, dann fuhr ich dankbar fort, mich nach Dir zu sehnen.
SPRACHSKEPSIS
Sollte uns das Wort Indi--wie-du--alismus nachdenklich machen?
SCHWER ZU DENKEN
Dass keiner kennt,
wie es begann.
Dass der Moment
nicht bleiben kann.
Dass Dein Gesicht
mich so einfängt.
Dass mein Glück nicht
von Dir abhängt.
Dass ich leide,
nicht Ruhe find'.
Dass wir beide
nur Menschen sind.
IMMERHIN
(aus dem Gedichtzyklus "Infantile Gedichte")
Nur vom Alter her
bin ich post-pubertär.
PROZESS DES ERWACHENS
Trauer,
darüber, dass der Traum vorbei ist.
Trauer,
darüber, dass es nur ein Traum war.
TU’, WAS DU WILLST
Es ist einfacher, zu wollen, was man tut, als zu tun, was man will, denn es ist
viel schwieriger herauszufinden, was man will, als was man tut.
BLEIB EINE WEILE NOCH
Bleib eine Weile noch, Behagen,
nimmst mir die Eile und mein Grämen.
Je länger's mir gegönnt, Dich zu ertragen,
desto stärker werd' ich mich Deiner schämen.
BERG VON GESCHIRR
Seit Tagen wächst der Berg von Geschirr
den ich statt hinterfragen werd' abspülen müssen.
Seit Wochen sind meine Gedanken bei Dir
wann, wo und ob wir uns je küssen.
Seit Monaten hat der ach so faszinierende
Beruf an Reiz verloren.
Seit Jahren tobt das real existierende
mit viel Maul und wenig Ohren.
Seit Stunden denk' ich all das, mich fragend:
Wo soll ich anfang'? Was mach' ich nun?
Seit Sekunden ahne ich Antwort, mich plagend:
Egal, Hauptsache nicht opportun.
Erbost
Erbost beschimpft seine Kritiker
der Chef - Methode: "autoritär".
Wer dies nennt einen Führungsstil,
der weiß von Führung, doch sonst nicht viel.
DER PSYCHOTHERAPEUT
Zu korrigieren ist sein Wille --
den Patienten, mit dessen Neurose.
Stets trägt er seine Brille.
Verwechselt mit Verstehen die Diagnose.
DES LEBENS SÜßE
Des Lebens Süße ist zart,
der Wind kann sie verwehen,
plötzlich, grausam und hart
kann ein Glück von uns gehen.
Wir können es nicht halten
und können nicht verstehen
warum, war's noch beim alten,
wir's nicht häufiger gesehen.
Und wenn der Wind nicht dreht
doch Du die Nase in ihn streckst
noch eh' der Schmerz vergeht
eine neue Süße Dich verhext.
KANNST DU
Kannst Du Deine Neugier halten
auch noch nach vielen Jahren
voll Glück und Leid, mit mir zu zweit
und mich noch neu erfahren?
Kannst Du Deine Neugier halten
wenn Du mich hörst und siehst,
wenn ich mich zeige, wenn ich zu feige,
wenn Schmerz mein Herz durchfließt?
Kannst Du Deine Neugier halten
und Dir gleichzeitig sicher sein?
Weißt Du bei Sorgen Dich geborgen,
und fühlst Dich nicht allein?
Kannst Du Deine Neugier halten
und neu mich lieben, wie noch nie?
Und wenn's Dir glückt, ist's auch verrückt,
kannst Du mir zeigen wie?
Kann ich meine Neugier halten
wenn's Dir mal nicht gelingt?
Kann ich erweichen, Dich erreichen,
dass meine Liebe zu Dir dringt?
OFFENBARUNG
Teddybären darf man seine Gefühle zeigen.
Menschen auch.
Teddybären lieben es, von Dir geknuddelt zu werden.
Noch mehr lieben sie es, sich mit Dir zu freuen, wenn Du einen Menschen umarmst.
Teddybären können Dir nicht nur zuhören.
Sie können Dir auch zusehen.
HAST DU NICHT GELESEN, WAS AUF DER PACKUNG STEHT?
Liebe
Mindestens haltbar bis: siehe Prägung.
DER GARTEN
Beziehung ist wie ein Garten: wenn Du sie asphaltierst, ist sie leichter zu pflegen.
BLICKE
Unsere Blicke trafen sich.
Sie schmiedeten Pläne.
Ohne uns.
AN EINEN FREUND
Neulich wir
im Jetzt und Hier
tat und tut
mir einfach gut.
LIMERICK ZUR FRAGE DER EMOTIONALEN KOMPETENZ
Es zählt mir - auch wenn sie's nicht glaubten -,
die Quellen der Wut zu enthaupten
mit scharfen Klingen
zu den schön' Dingen
- doch sicher nicht zu den erlaubten.
EVOLUTION
Es dient der Kröte
die Sprache als Tröte.
Es nutzt der Affe
die Sprache als Waffe.
Dem Menschen bliebe
ihr Gebrauch zur Liebe.
HERR ALGORITHMUS UND FRAU GEDICHT
Eine junge Praktikantin war
bibliothekarisch ambitioniert.
Arg jung oder arg Praktikantin
hat sie ein Buch falsch einsortiert.
So trafen sich, aus zwei Regalen,
Herr Algorithmus und Frau Gedicht.
Ihr gefiel Struktur und Klarheit;
ihm gefiel ihr zart' Gesicht.
Um ihre Neugier zu befrieden
stellten sie sich vor im Nu:
Er sprach zu ihr: "Ich weiß, was tun."
Und sie sagte: "Ich weiß, wozu."
Sie glaubten sofort an perfekte Ergänzung
denn es wollte ihnen scheinen,
gemeinsam könnten sie etwas erschaffen;
sie könnten Sinn und Tatkraft vereinen.
Ihr Glück währte jedoch nicht lang;
sie waren sich einfach kein Gewinn:
Der Wunsch nach Sinn verdirbt das Tun;
der Wunsch nach Tun verdirbt den Sinn.
Eine Moral von der Geschichte:
damit dieser Konflikt nicht geschieht
- das heißt zu seiner Verdrängung - trenne
man Geistiges nach Fachgebiet.
Eine zweite Moral sei noch genannt,
die zu den frisch Verliebten spricht.
Wenn im Kontakt mit dem Begehrten:
Eine Neugier fühle, man befriede sie nicht.
IMAGINÄRER AUSBRUCH AUS DER SCHÜCHTERNHEIT
Welchen Vorwand könnte ich
bemühen, welchen kleinen,
heut', um anzusprechen Dich?
Die schönste Antwort: keinen.
ALS KONSENS ERSEHNT
Bitte lass' sie aus, die Glotze;
Es ist genug schon, was ich kotze.
AUTONOMIE
Frühling im November,
Wahrheit im Betrug,
Geborgen in der Hölle,
Frei im Strafvollzug.
Schlägt Dir die Welt noch auf's Gemüt,
Sieh' und erlöse Dich vom Leiden:
Heut', dank Konstruktivismus,
Kann jeder selbst entscheiden.
KATEGORISCHER INFINITIV
Die Kunst ist
zufrieden zu sein
und sich nicht
zufrieden zu geben.